Grand Hotel Villa Castagnola au Lac – Lugano

Der Butler tritt ein: «Im Ostflügel sind Einbrecher, Euer Lordschaft.» – «Wie viele?» – «Zwei, soweit ich feststellen kann, Euer Lordschaft.» Sir Randolph faltet die Times. «Die Doppelflinte, Jeeves, den graubraunen Jagdanzug. Und dann legen Sie im Kamin nach.» (P. G. Wodehouse)

“Butler” sind britisch und gehören in viktorianische Landhäuser. Nur hier ist kein Landhaus, hier sind wir in einem Grand Hotel. Ein Anwesen mit einem außerordentlichen Charme, gelegen in einer Art subtropischem Park, die Räumlichkeiten mit Antiquitäten ausgestattet, die ganze Inneneinrichtung erinnert an eine langjährige Tradition. Tolles Ambiente. Sehr nett hier.

Wir möchten aber nur etwas essen nachdem man uns über Nacht wohl nicht will, mir die Preisgestaltung der Übernachtung nicht zusagte. Fand sich online ein Preis von €254.- die Nacht, will der “Pinguin”(äxgü´si) hinter der Rezeption unbedingt anfänglich €366.- (und nach einem dem Rahmen natürlich angemessenen dezentem Räuspern meinerseits) immer noch €324.-. Vielleicht war ihm mein “Räusperchen” zu aufdringlich oder meine nicht angelegte Krawatte nicht dezent genug. Keine Ahnung, jedenfalls, so gerne ich auch mein Haupt gediegen bette, muss ich im Gegensatz zum Grand Hotel nicht allzu lange um Preise feilschen.

Also ab ins Restaurant, wir möchten das Haus wenigstens satt verlassen. Hier (wie das ganze Erdgeschoss) alles sehr stilvoll. Leider auch etwas “steif”. Zu “steif”.

Die untergeordneten “Pinguine”(äxgü´si) in Schwarz-Weiss-Grau, die übergeordneten “Pinguine”(äxgü´si) in Schwarz-Schwarz. Akurat ausgerichtetes Besteck, die Stühle schieben sich wie von Zauberhand bewegt fast wie von alleine unter uns. Perfekt.

Nur: Ich stehe von von Anfang an ständig unter Beobachtung.
Müssen “Pinguine”(äxgü´si) nicht unsichtbar sein, mit dem Hintergrund verschwimmen? Oder wie Sir Anthony Hopkins in seiner Rolle als “Pinguin”(äxgü´si) Butler «Stevens» im Film «The Remains of the Day» sagte: “Wenn sie im Zimmer sind, sollte das Zimmer leerer wirken als vorher”.

Aber hier: Nicht leer. Mit unserem Eintreffen plötzlich voller als vorab. Ich komme mir vor wie der seltene Ausschlag, zu dem die ganze Ärzteschaft zusammengerufen wird: “Guggt mal….”

Insbesondere einer (Gang und Haltung gaben hier eindeutig den Ausschlag für die Begriffsprägung) der “Unter-Pinguine”(äxgü´si) ist extra dreist, mustert mich laufend als möchte er mich zum gegenseitigen Schnabeln herausfordern! Ob ich mich auf Zwicken, Stechen und Flügelschlagen einlassen soll? Mal vorsichtig zurückmustern und abwarten. Ich habe hier Besteck liegen, er nur einen Brotkorb und eine abgerundete Zange. Vorteil also vorab schon klar auf meiner Seite.

Für mich bestelle ich einen kleinen Salat, Fischfilet mit Jakobsmuscheln und einen Wein. Für Sie etwas anderes^^ Den uns angebotenen Aperitif lehne ich dankend ab, das Mustern wird eindringlicher.

Frau Doktor mit Gemahl kommt an. Der Frack wird noch einmal glatt gestrichen, die Schultern werden nach hinten gestreckt, die gesammelte Mannschaft setzt sich in Bewegung. Bei uns bewegte sich nur einer. Ob mir das zu denken geben sollte?

Herrlich zu beobachten wie Frau Doktor einem der “Ober-Pinguine”(äxgü´si) von ihrem letzten Besuch berichtet, dass ihr der Champagner nicht bekommen sei und sie deswegen nur einen Wein trinken könne. “Aber einen Leichten bitte, so einen…, Sie wissen schon…

Der “Ober-Pinguin”(äxgü´si) lauscht, lächelt, er “weiss schon…” (schon längst), er hat Frau Doktor schon in allen Varianten er- und überlebt, er harrt aus, hört geduldig zu, er nickt zustimmend (alle anderen umstehenden Pinguine (äxgü´si) nicken stereotyp und pflichtbewusst mit), die aufwendige Ausbildung macht sich hier definitiv bezahlt.

Das Aufregendste, was in diesem Umfeld wohl passiert, ist eine unsorgfältig gebundene Krawatte oder die umgestoßene Bettflasche von Frau Doktor. Oder wenn ich nach dem Preis frage!

Neureich mit Hang zur Dekadenz? Oder doch altes Geld?
“Frage: Wie erkennt man einen Neureichen? Die Antwort des ”Pinguins”(äxgü´si) Butlers: “Neureiche schauen sich um, wenn sie einen Raum betreten, weil sie sich mit den Anwesenden vergleichen. Altes Geld schaut nur in die Zeitung, auf die Uhr oder tief gelangweilt in die Leere des Raums”.”

Ich hab es nicht genau beobachtet, musste mich auf meinen Fisch konzentrieren, dem irgendwie eine der versprochenen Jakobsmuscheln fehlte. Da wird doch nicht der Eine, der mit dem Brotkorb an der Tür, der mich dauernd so mustert…? Ich mustere erneut zurück, kann aber kein verdächtiges Schlucken oder Würgen feststellen. Also im Zweifel für den Brotkorb-Halter.

Das Essen sehr gut (auch sehr teuer, davon sollte aber niemand überrascht sein), die Cappuccinos mit kleiner Etagère Süßem gereicht. Weiterhin perfekt.

Das Grand Hotel Castagnola: Gerne hätte ich 5 Sterne zurück gereicht, aber die Rezeption hat uns leider nicht überzeugt. Und das dauernde Mustern…

(Disclaimer: Die synonymhaftige Begriffsverwendung eines einzelnen Berufsstandes (äxgü´si) dient einzig zur Veranschaulichung interpersoneller Kommunikation, sozialer Interaktion, der Reaktionsgleichung und zur Erleichterung stöchiometrischer Berechnungen).

4 Antworten zu “Grand Hotel Villa Castagnola au Lac – Lugano

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